Forschen lernen!
E-Teaching 2.0 = Peer-to-peer Online Collaboration
Kurzbeschreibung
Das Projekt „Forschen lernen!“ soll jungen Forschern und Studierenden in die Forschungspraxis einführen und die Möglichkeit eröffnen, entsprechende Drittmittel zu generieren. Gleichzeitig sollen neue Formate der Wissensproduktion und -distribution entwickelt und erprobt werden. Kooperationspartner sind die FU Berlin, die TU Berlin, Universität Hamburg, formatLabor Berlin. Das Projekt ist OFFEN, weitere Institutionen oder Organisationen werden in naher Zukunft einbezogen.Wie sind zur Zeit mit unterschiedlichen Kunsthochschulen im Gespräch.
Gemeinsam mit erfahrenen Lehrkräften und jungen Forschern sollen unter Verwendung ästhetischer und regelbasierter Verfahren neue Formate der Wissensproduktion und -distribution entwickelt werden. Diese haben einen medientheatralischen, einen theoretischen und einen technischen Aspekt. Im Rahmen des Projektes entstehen zwei Online-Kollaborationstools, die im Forschungszusammenhang sowohl entwickelt als auch erprobt werden und nach Abschluss der ersten Phase des Projektes als Instrumente der Forschung und Drittmittelgenerierung Dritten zugänglich gemacht werden. Weitere Ergebnisse des Projektes werden eine Offene Wissensplattform und eine Publikation sein.
Ziele
Ausgangspunkt
Das Ziel des Projektes ist es, eine interdisziplinäre und transakademische Initiative für die Entwicklung und Erprobung neuer Theorieformate zu begründen und zu erproben. Gleichzeitig soll im Rahmen des Projektes jungen Forschern und Studierenden eine Einführung in die Forschungspraxis gegeben werden. Hierbei konfrontieren wir das ganzheitliche humboldtsche Bildungsideal mit den Möglichkeiten des Web 2.0.
Das Projekt hat zwei Ausgangspunkte:
Das humboldtsche Bildungsideal einer ganzheitlichen Ausbildung (einschließlich der Verbindung ästhetischer und wissenschaftlicher Methodik), der größtmöglichen Unabhängigkeit der Forschung, gesellschaftlicher Verantwortung (Bedenken der ganzheitlichen Zusammenhänge) und last not least: der Einheit von Lehre und Forschung.
Die neuen Möglichkeiten des Web 2.0., in dem die Rollen von Akteur und Publikum, von Sender und Empfänger, von Lehrendem und Lernenden nicht mehr kategorisch getrennt sind. Wissen wird nicht allein vermittelt, sondern es geht maßgeblich um die Moderation von Wissensproduktion. E-Teaching wird auf diese Weise zur peer-to-peer Online Collaboration.
Wir vertreten die Auffassung, dass Humboldts Ideal der Einheit von Lehre und Forschung gar nicht früh genug vermittelt werden kann. Lernende ernst nehmen heißt, ihnen von Anfang an zuzutrauen, dass sie nicht nur Lernstoff aufnehmen, sondern auch neue Gedanken und damit neues Wissen produzieren. Die Einheit von Lehre und Forschung bedeutet in diesem Zusammenhang nichts anderes, als dass nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern dass auch neues Wissen entsteht. Die Wechselseitigkeit, die diese Auffassung impliziert, entspricht den Möglichkeiten der Interaktivität der Online-Lehre. „Forschen lernen!“ wird hier also auch zum didaktischen Prinzip.
Für diesen Zweck haben wir eigens zwei Instrumente entwickelt: keshma, eine offene freie Online Kollaborationsplattform ( http://www.keshma.net), und SOMA, ein Projekttool, das ein Content Mangement System für externe Webseiten mit einer geschlossenen Online Collaborationsplattform vereint. Beide Plattformen beruhen auf Wikitechnologien.
Während keshma insbesondere für Lehrzusammenhänge (digital classroom), künstlerische Projektarbeit (keshma case) und den freien Zugang zum Wissen (media archives) eingesetzt wird, ist SOMA das Instrument für die Entwicklung, Durchführung und Darstellung von Forschung, das insbesondere auch die Drittmittelgenerierung miteinbezieht, aber auch als Publikationsinstrument genutzt werden kann.
Wir werden das von uns entwickelte Moderationsinstrument weiter an die Bedürfnisse der Forschung anpassen. Gleichzeitig werden junge Forscher und Forscherinnen in die Grundlagen von Forschungsmethoden und Praxis, einschließlich der administrativen Dimension eingeführt.
Die Moderation umfasst
Methodik und Methodologie der Forschungspraxis
Formale Kriterien der akademischen Forschung
Zusammenarbeit, Teambildung, Theorieformate, Vernetzung, Tools
Aufbau einer Collaborationsplattform für die Forschung
Realisationsmöglichkeiten und „Antragsprosa“
Finden von Cooperationspartnern
Budgetierung
Coaching bei der Darstellung von Projekten in Wort und Schrift
Adressaten
Das Angebot wendet sich nicht nur an Universitäten, sondern auch an Fach- und insbesondere Kunsthochschulen. Aber auch an alle anderen Zusammenhänge, in denen Drittmittel akquiriert werden sollen.
Bedarf
Vor einigen Jahren setzte eine Akademisierung von Fach- und insbesondere Kunsthochschulen ein. Auch hier sehen wir einen Bedarf, der mit dem von uns Angebotenen befriedigt werden kann. Hierbei soll es explizit auch zur Anwendung ästhetischer Verfahren für die Wissensgenerierung kommen. Es soll über neue, zeitgemäße Formate der Wissenschaft für Forschung und Lehre nachgedacht werden.
Die von uns entwickelten Tools haben zwei Aspekte: einen technischen und einen, der die Benutzung und die Moderation betrifft. Letzterer Aspekt kann auch Verfahren aufnehmen, die aus der ästhetischen Praxis kommen. Ergänzt werden beide Aspekte durch eine Vernetzung mit traditionellen Wissensformaten, insbesondere Anwesenheit (face-to-face) und Print.
Gerade Hochschulen, an denen ästhetische Theorie und theoretische Praxis als Einheit behandelt werden, scheinen deshalb dafür geeignet, neue Theorieformate zu entwickeln. Die dort entwickelten Theorieformate können dann auf andere Bereiche übertragen werden. Auf diese Weise würde sich das Verhältnis Ästhetik und Theorie und damit auch von Kunsthochschulen und Universität verändern. Mit den neuen, etwa an Kunsthochschulen erprobten Theorieformaten würden diese einen grundlegenden Beitrag für die Forschungspraxis leisten. Wie dies im Einzelnen aussehen könnte, wird in unserem Buch „Medientheater“ ausgeführt.
Ein weiteres Anwendungsgebiet besteht in der Entwicklung von Online-Tools für Low-Resident-Programme.
Die immer komplizierter werdenden Verfahren für die Vergabe von Drittmitteln, insbesondere auf europäischer Ebene, braucht ein Tool, das sowohl Partner zusammenführt als auch durch den Dschungel der Förderrichtlinien führt.
Forschung ist natürlich nicht voraussetzungslos zu realisieren. So bedarf es beispielsweise der Kenntnis des aktuellen Forschungsstandes, einer eigenen Perspektive, die u.U. etwas in den Blick bekommt, das bisher übersehen wurde, der Ausarbeitung von Forschungsfragen etc. Das Projekt „Forschen lernen!“ möchte zunächst die Grundlagen der Forschungspraxis vermitteln und dann den Lernenden dabei helfen, eigene Forschungsprojekte zu entwickeln und zu realisieren. Hierbei kann die (zukünftige) eigene Forschung auch ein Motiv des Lernens sein und dabei helfen, den Lernstoff zu strukturieren und von Anfang an eigene Akzente zu setzen.
Medien
In Zusammenhang von E-Teaching und Online-Kollaboration wird oft übersehen, dass die Chancen der neuen Möglichkeiten nicht in ihrem isolierten Gebrauch liegen. E-Teaching und Online-Kollaboration können sich tatsächlich erst in der Vernetzung mit anderen, auch traditionellen Formen, Medien und Formaten entfalten. Die wichtigsten sind: Live-Veranstaltungen (Seminare, Workshops, Vorträge, Diskussionen, Ausstellungen, Colloquien, Symposien etc.) und Publikationen.
Das Internet soll die Anwesenheit und unmittelbare Diskussion nicht ersetzen, sondern ergänzen. Es geht nicht darum, das Buch durch flüssige Formen des Webs zu verdrängen, sondern ein bestimmtes Verhältnis von printtechnischer Fixierung und Verflüssigung zu organisieren, das für die Entstehung und Vermittlung von Wissen besonders günstig ist.
Zielgruppen (der Forschungsresultate)
Studenten von Hochschulen für Kunst und Medien
Postgraduierte, die in die Forschungspraxis eingeführt werden sollen
Forschende, die Drittmittel beantragen und durch Drittmittel finanzierte Projekte durchführen (Stichworte: SOMA als Publikationsinstrument, Wissensmoderation).
Interessierte Öffentlichkeit
Struktur
Motivation und Ordnung
Einige der wichtigsten Erfolgskriterien liegen in der Ordnung der Beiträge und im Schaffen der Motivierung zur Mitarbeit. Beides ist oft eng miteinander verbunden. Nur wenn es eine gewisse Übersichtlichkeit und Ordnung gibt, können Fortschritte für die Teilnehmer erlebt werden. Es ist deshalb gut, zunächst in kleineren Gruppen zu arbeiten, die von einem erfahrenen Moderator geleitet werden.
Manchmal ist es einfacher, über Mailing-Listen Diskurse zu bestimmten Themen zu initiieren und die Resultate dann ins Wiki zu übertragen. Auch Gespräche, gekoppelt mit Voice-to-Text-Technologien, sind eine Möglichkeit, interessante Personen, die wenig Zeit haben, zu integrieren.
Wichtige äußere Motivationen sind
Akademische Qualifikation
Teilnahme an einer Publikation
Qualifikation für Lehre und Tagungen
Erfolg eines Drittmittelantrages
Schaffen der Grundlagen eines eigenen Projektes
Es muss immer reflektiert werden, wie viel Anwesenheit ein bestimmtes Projekt braucht. Die Faustregel ist: Je weniger Geld und Reputation vergeben werden können und je unterschiedlicher die Ziele der Teilnehmer sind, desto mehr Anwesenheit ist notwendig.
Es ist wichtig, die Ziele jedes Teilnehmers zu kennen und diese bei der Durchführung des Projektes zu berücksichtigen. Auf der individuellen Startseite kann es sinnvoll sein, die Ziele des Teilnehmers aufzulisten und ihm bei der Realisierung behilflich zu sein.
Transparenz und offene Forschung
Durch unsere offene Arbeitsweise und unsere Erfahrung in der Vernetzung unterschiedlicher Gruppierungen können wir einigen deutschsprachigen Hochschulen eine partnerschaftlich-gleichwertige Zusammenarbeit anbieten und unterschiedliche Angebote und Bedürfnisse miteinander verbinden. Gedacht ist hier an einen transakademischen Diskurs, also einen Diskurs, der nicht nur zwischen Hochschulen stattfindet, sondern auch über sie hinausreicht.
Insbesondere sind wir daran interessiert, medienwissenschaftliche, semiotische und systemtheoretische Ansätze mit ästhetischen Verfahren zu konfrontieren. Hier können wir auch auf unser Netzwerk keshma.net ( http://www.keshma.net) zurückgreifen, auf dem sowohl verschiedene Universitäten als auch verschiedene Gruppen und Künstler zusammenarbeiten.
Bei dem Aufbau unseres Netzwerkes für „Forschen lernen!“ setzen wir auf größtmögliche Transparenz. Die Bedingungen der Teilnahme werden expliziert und offengelegt. Erarbeitet werden die Bedingungen in einem Team, das nicht nur aus eingeladenen Forschern besteht, sondern auch durch einen Open Call zustande kommt. Auf diese Weise soll auch mit OFFENEN FORSCHUNGSFORMEN experimentiert werden.
In offenen Forschungsprojekten werden, zusätzlich zu den eingeladenen Forschern, über einen Open Call andere Forscher OHNE ANSEHEN DER PERSON zur Mitarbeit eingeladen. Die eingeladenen Personen qualifizieren sich AUSSCHLIESSLICH DURCH DIE GELEISTETEN BEITRÄGE. Für diese Vorgehensweise ist insbesondere unsere Kollaborationsplattform SOMA geeignet, da auf ihr alle Versionen einschließlich der jeweiligen Autorennamen gespeichert bleiben. Von wem welcher Text und welcher Gedanke stammt, ist also jederzeit nachvollziehbar.
Ordnen des Diskurses
Die Offenheit des Zusammenhangs stellt eine Herausforderung für das Ordnen des Diskurses dar.
Während im flüssigen elektronischen Text vor allem Ordnung eine Rolle spielt und es mannigfaltige Abstufungen von Relevanzen, insbesondere auch Platz für Unfertiges und Fragwürdiges, gibt, hat demgegenüber eine Publikation einen binären Selektionsmechanismus (drucken / nicht drucken). Zwar können auch in einer Publikation unterschiedliche Relevanzstufen (Haupttext, Fussnoten, Anmerkungen etc.) organisiert werden, doch dies vermag den binären Selektionsmechanismus nicht zu ändern. Die Übertragung aus der elektronischen Produktion in eine gedruckte Distribution ist eine besondere Herausforderung und ermöglicht eine Qualitätskontrolle, die im Wiki selbst nicht wünschenswert wäre.
Das Buch übernimmt für die Online-Zusammenarbeit auch die Funktion eines Ziels, das die Kommunikation ordnet und motiviert. Ohne angestrebtes Ergebnis (das kann allerdings auch ein Symposium oder eine Ausstellung sein) ist es oft schwer, die klare Struktur für ein Online-Projekt zu finden.
Die Plattform wird entweder zentral oder dezentral von einem Redaktionsteam moderiert. Die Teilnehmer können dann im auf diese Weise entstandenen Buch publizieren und werden – wenn es sich um ein drittmittelfinanziertes Projekt handelt – diesem Beitrag gemäß bezahlt. In dieser offenen Struktur wird es insbesondere zu hochschulübergreifender Zusammenarbeit kommen.
Funktionen der Publikation:
Ordnen des Diskurses
Motivieren zur Teilnahme
Erhöhung der Energie angesichts einer Deadline
Sorgfältige Endredaktion
Verständigung über die Fragen von Inhalt und Struktur
Abgeschlossenes Ergebnis des Projektes
Erprobung der Online-Plattform als Publikationsinstument
Erprobung eines offenen Forschungszusammenhangs
Wahrnehmung des Projektes innerhalb und außerhalb von Lehr- und Forschungszusammenhängen.
Eine besondere (auch ästhetische) Herausforderung stellt die Rückübertragung des elektronischen Textes in das Printmedium dar.
Open Educational Resources
Das FormatLabor Berlin steht seit 2003 für eine nachhaltige Wissensproduktion und -distribution und führt regelmäßig Online-Colloquien in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Universitäten und Instituten durch.
Übersicht der Forschungs- und Lehrangebote: http://www.formatlabor.net/blog/?page_id=143
2002 wurde ein vorbereitendes Internet-Colloquium Torward an Integral Theorie of Media in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Berlin (Dr. habil. Bernd Ternes u.a.) durchgeführt, aus dem sich ein kontinuierliches Angebot entwickelt hat.
2004 wurde mit dem Projekt Diskurs M.E.D.I.E.N. ein offenes und kosten- und werbefreies Wissensangebot begründet. Daraus entstand 2006 der Theorie-Blog: http://www.formatlabor.net/blog/?cat=4
2005 wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Designforschung design2context (Prof. Ruedi Baur) die offene Wissensplattform für Lehre und Forschung keshma realisiert. http://www.keshma.net
2007 wurde ein Forschungsprogramm in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin (Prof. Dr. Elena Ungeheuer) entwickelt, das 2008 in einen DFG Forschungsantrag münden wird.
2008 erscheint im Kulturverlag Kadmos die Publikation „Medientheater“, in der es um neue und auch experimentelle Formate für Wissensproduktion und -distribution geht. In der Publikation werden nicht nur neue Theorieformate dargestellt, sondern sie ist selbst ein neues Theorieformat, in dem es um die Vermischung von festen und flüssigen Formen geht – mit Hilfe von inszenierten Gesprächen, die auf unserer Plattform keshma weiterverarbeitet und von anderen kommentiert wurden.
2008 wird es in Zusammenhang mit der Publikation ab Mai 08 zu einem offenen Publikationsprojekt „Ästhetik des Wissens“ kommen. => http://www.formatlabor.net/html/aesthetik-des-wissens.htm
Seit 2007 arbeiten wir an der Entwicklung eines neuen Tools, das den Namen SOMA trägt und ein Tool für denkintensive Projekte (für Forschungsprojekte oder Konzeptentwicklung für andere Bereiche) ist. SOMA befindet sich noch in der Phase der Entwicklung und Erprobung. Die Entwicklung bezieht sich insbesondere auf Moderationstechniken. Die Technologie befindet sich in der Betaphase.
Forschung auf keshma:
„Forschung“ auf keshma: http://www.keshma.net/doku.php/?do=search&id=Forschung oder gehen Sie auf http://www.keshma.net und geben sie in die Suchmaschine „Forschung“ ein.
Beispiel für eine didaktisch aufgearbeitete Seite auf keshma: http://www.keshma.net/doku.php/media_archives:tele-lectures:wolfgang_ernst
Theoretische Grundlagen
Inhaltliche Schwerpunkte
Die ersten Schwerpunkte sollen wiederum im Bereich der Wissensmoderation, der Online- Zusammenarbeit, der Integralen Medientheorie (Theorie und Praxis), der Wissensproduktion und der neuen Theorieformate liegen.
Die Implikationen der Vernetzung und der Digitalisierung sollen in methodischer und epistemologischer Dimension erforscht werden.
Weitere zentrale Forschungsgebiete befassen sich mit der Frage, wie neues Wissen entsteht, und der Erforschung des Zusammenhangs von Wissen und Gesellschaft; sowie grundlegend mit der sozialen Evolution.
Ein weiterer eher pragmatischer Schwerpunkt liegt in der Untersuchung erfolgreicher Drittmittelgenerierung, dem Zusammenstellen förderungsrelevanter Daten und dem Aufbauen einer Plattform, die europaweite Kollaborationen ermöglicht. Oft sind weit gestreckte Netzwerke eine gute Voraussetzung für die Finanzierung und Durchführung von Projekten.
Theoretische Grundlagen und eigene Forschung
Traditionelle geisteswissenschaftliche Forschung beginnt oft mit der Bezeichnung des Forschungsstandes, konfrontiert diesen mit eigenen Überlegungen und Vorarbeiten und skizziert dann, inwiefern die eigene Forschung einen neuen Ansatz bildet oder eine neue Perspektive einführt und damit über das Bestehende in relevanter Weise hinausreicht. Die Rhetorik der geisteswissenschaftlichen Forschung liegt in der Regel darin, zunächst ein Hauptproblem auszumachen, seine Relevanz zu begründen und dann den Lösungsansatz zu präsentieren. Dieser beinhaltet in der Regel einen Begriff, der als Label dient, und eine Perspektive, die eine neue Differenz einführt. Der Erfolg der geisteswissenschaftlichen Forschung ist davon abhängig, wie evident und originell die Differenz ist, wie weit sie es fertig bringt, sich auf pointierte (und manchmal auch provokante Art) vom Bestehenden abzugrenzen und gleichzeitig über Verweise und Fußnoten ihre Traditionssättigung zu belegen, aber auch davon, wie weit sie es schafft, die eingeführte Differenz mit einem ungewöhnlichen und doch eingängigen Begriff zu labeln. Auf diese Weise entsteht eine Struktur, die sich in ihren schönen Momenten auch ästhetischer Qualität erfreut, überraschende Wendungen und Pointen enthält und sich wie das Spiel mit Glasperlen weitgehend sinnfrei vom wirtschaftlichen Pragmatismus, der fast alle übrigen Bereiche unseres Lebens durchdringt, wohltuend abhebt. Dass dieses Abheben vom ökonomischen Prinzip gleichzeitig ein Anschließen ist, bezeichnen die Begriffe der akademischen Karriere und des Brotdenkers.
Die Akademie als Ort ermöglicht gerade in der Differenz zu anderen Bereichen der Gesellschaft, beispielsweise zu den Massenmedien oder wirtschaftlichen Zusammenhängen, eine gründlichere Reflexion. Anderseits ist diese Reflexion immer in Gefahr, ihren Referenten zu verlieren und sich in selbstbezüglichen Profilierungsspielen zu verlieren. Die Frage nach der Legitimation der Geisteswissenschaften ist, seitdem die Wahrheit im Sinne der Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache als Kriterium ausgefallen ist, dringlicher geworden. Statt des Bezugs auf Wirklichkeit legitimiert sich Reflexion durch einen Bewährungszusammenhang. Dieser Bewährungszusammenhang besteht im geisteswissenschaflichen Kontext nicht in einer über sie hinausgehenden Praxis, sondern allein in der Praxis der Selbstdarstellung der Theorie.
Für jeden allerdings, der in Kontexten gearbeitet hat, in denen Theorie die Grundlage einer wie auch immer gearteten Praxis ist - sei es nun im kommerziellen Bereich, etwa in einer Marketingkampagne, oder im künstlerischen Bereich, etwa am Theater – ist die Funktion der Theorie und damit auch der innere Bezug zu ihr ein anderer als für den akademischen Theoretiker.
Selbstverständlich geht es in der Praxis zunächst ebenso immer auch um eine Konzeption, die sich selbst verkaufen und sich gegenüber Geschäftsführern, Intendanten, Redakteuren, Verlegern, Kuratoren und Gremien behaupten muss. Doch reicht dies nicht aus. Die Vorstellung einer Praxis jenseits der Darstellungspraxis der Theorie führt zu einem ganz anderen - vielleicht nicht ganz so vollmundigen - und sehr viel langsameren Denken. Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder theoretische Gedanke unmittelbar nach seiner Praxisfähigkeit beurteilt werdem soll, denn gerade die Umwege und das hartnäckige Durchs-Gebüsch-Schlagen kann dadurch belohnt werden, dass plötzlich methodische Weg vor einem auftauchen, die wenige zuvor betreten haben.
Da nun das Wissen, das hier entstehen soll, den pragmatischen Zweck verfolgt, den Forschungszusammenhang zu gestalten, in dem es sich selbst entwickelt, könnte man vermuten, dass es weniger stark vom Spiel der Wissenschaft überformt ist, welches eben darin besteht, eine neue, spannende Unterscheidung zu treffen, mit der man sich vor allem positionieren kann. Die Wendung zu einer selbstbezüglichen Praxis ist also auch eine Wendung zur Welt.
- Wie das?
- Wenn ein Wissen entsteht, mit dessen Hilfe ein kommunikativer Zusammenhang gestaltet werden kann, dann kann dieses Wissen auch auf andere Zusammenhänge übertragen werden.
Insgesamt wäre es für das Projekt „Forschen lernen“ interessant, mit Kunst- und Medienhochschulen möglichst eng zu kooperieren, da hier die Übergänge zu einer ästhetischen Praxis fließend sind.
Didaktik und Vorbereitung der Forschung
Wie wir sehen, ist der Forschungszusammenhang zirkulär gebaut. Um diese Zirkularität tatsächlich zu gewährleisten, bedarf es, wie gesagt, eines vom Regelfall der rein geisteswissenschaftlichen Forschung abweichenden Theorieverständnisses. Zunächst ist nicht the state of art eines bestimmten Teilgebietes der Wissenschaft zentral, von dem man sich dann unter Bezug auf andere, zurzeit wenig beachtete Traditionen abhebt, sondern es müssen zunächst solche Theorien auf den Plan gerufen werden, die für das Umschlagen in eine theoretische Praxis zentral sein könnten.
Dass eben unser Vorhaben nicht mit der dünnen und teilweise fragwürdigen Spitze des state of art, sondern mit den Grundlagen beginnt, ermöglicht auch, diese Phase schon als Lehre zu konzipieren, und zwar für diejenigen, die in späteren Forschungsphasen für die Gestaltung der Theorieformate mit zuständig sein werden. Was muss beispielsweise ein Designer, der einen kommunikativen Zusammenhang, in dem sich Forschung ereignen soll, wissen, um diesen Zusammenhang visuell gestalten zu können? Allerdings sind diese theoretischen Grundlagen nicht direkt in Gestaltung zu übersetzen, sondern nur vermittels der Ausbildung eines methodischen Werkzeugkastens, mit dessen Hilfe Formatexperimente entwickelt und erprobt werden. Das hier formulierte Theoriebedürfnis deckt sich nun weitgehend mit dem, welches an Kunsthochschulen sinnvoller Weise besteht, da auch hier die Frage auftaucht, wie theoretische Grundlagen in gestalterische Methodik zu übersetzen seien. Welches Wissen braucht ein Entwickler von Strukturen und Regeln eines generativen Archivs, um nicht nur pragmatisch und effektiv zu arbeiten, sondern tatsächlich Ungewöhnliches möglich zu machen? Welches Wissen braucht ein Künstler, wenn er Theorie als interaktive Kunstform betreiben will? In dieser Phase unterscheidet sich das Theoriebedürfnis deutlich von traditionellen Forschungszusammenhängen.
Theorieformate als pragmatische Epistemologie
Wenn wir nicht den Einzelnen, sondern den Forschungszusammenhang und den speziellen, fachspezifischen Diskurs, an dem dieser Forschungszusammenhang teilhat, als Erkenntnisbedingung in Form eines historischen Apriori (Foucault) ausmachen und wenn wir anerkennen, dass ein zentraler Punkt dieser historischen Apriori in der Benutzung von Formaten liegt, dann ist das Experimentieren mit theoretischen Formaten eine Möglichkeit, die Bedingungen des Wissens aktiv zu gestalten. In diesem Fall wird also nicht nur die Praxis von einer Theorie gerahmt, sondern umgekehrt auch die Theorie von einer Praxis. In unserem methodischen Werkzeugkasten unterscheiden wir zwischen operativer und performativer Methodik. Operative Methoden sind Methoden, die ohne die Beteiligung von Bewusstsein angewandt werden können. Hier geht es um das Hintergehen des eigenen Geschmacks durch die Anwendung von Algorithmen, um Materialästhetik und mathematische Verfahren. Medientheater in diesem Sinne ist das Theater der Medien selbst, in dem ihr Eigen-Sinn zur Geltung kommt und nicht von den kulturellen Nutzungen überformt wird. Performative Methoden dagegen sind Experimente, an denen das Bewusstsein beteiligt ist und in denen es in einer bestimmten Weise (beispielsweise durch die Gestaltung des Kontextes oder etwa des Adressaten) geführt wird. Man kann hier zwischen Selbstanwendung und Inszenierung unterscheiden. Eine weitere Technik besteht in der Trennung von Produktion und Distribution und dem Einrichten von generativen Archiven.
Prozess
Strategie
Zunächst soll auf unserer Plattform keshma das Projekt „Forschen lernen!“ weiter ausgearbeitet werden. Hierzu werden entsprechende Forscher eingeladen. Es entstehen ein detaillierter Zeitplan einschließlich einer ersten Budgetierung sowie eine Konzeption der Außendarstellung.
Das Ergebnis wird in unser Kollaborationstool SOMA übertragen. Mit Hilfe von SOMA kann eine HTML-Seite bedient werden, die die Außendarstellung enthält. Über Mailing-Listen und akademische Netzwerke wird auf das Projekt aufmerksam gemacht.
Jeder, der auf die Seite kommt, kann sich in unsere Mailing-Liste eintragen und bekommt dann automatisch seine personifizierten Einlog-Daten zugeschickt.
Eines der ersten Strukturierungsprinzipien werden die Bereiche der zu erstellenden Publikation „Forschen lernen“ sein. Jede Abteilung wird von einer Person oder einem Team verantwortet. Jede dieser Abteilungen entwickelt darüber hinaus ein Angebot an weiteren Materialien in Video- und Audioform und entsprechenden Links auf unserer öffentlichen Plattform (keshma) für die Lehre (damit jeder mitschreiben kann, der nicht im ursprünglichen Team ist). Unter Umständen werden auch Pdfs mit weiterführenden Materialien für Studierende integriert. Auf diese Weise entsteht eine Forschungsumgebung, die anschließend für den Kurs „Forschen lernen“ umstrukturiert wird.
Auf der Basis dieser Struktur wird ein Postgraduierten-Kurs entwickelt, zu dem die Autoren des sich in Ausbildung befindlichen Buches als Lehrende eingeladen werden. Der Kurs besteht aus einzelnen Wochenend-Block-Seminaren. In der übrigen Zeit wird Online gearbeitet. Anders als andere Tools, die mit destruktiven Hochlademöglichkeiten arbeiten (Überschreiben der älteren Seite), kann der Lehrende sehen, wer wann was geschrieben hat. Dies kann auch wichtig für die Vermittlung von Arbeitsmethoden sein.
Die ersten sechs Monate des Kurses behandeln die Grundlagen der Forschung. In der Auseinandersetzung mit den Studierenden wird in der Lehre das Material didaktisch weiter aufgearbeitet und die Online-Plattform erprobt. Am Ende des ersten Jahres erscheint die Publikation, idealerweise verbunden mit einer kleinen Ausstellung und der Präsentation der Online-Plattform. Die Verantwortlichen einer Abteilung erarbeiten hierzu einen Vorschlag, der dem Redaktionsteam vorgelegt wird. In Absprache mit dem Verlag entsteht die finale Fassung des Buches „Forschen lernen“.
Von diesem Zeitpunkt an werden insgesamt 12 ausgewählte Vorträge in 14-tägigem Rhythmus auf einem Blog gepostet. Die auf diese Weise erzeugte Aufmerksamkeit wird auch auf das Buch gelenkt (welches auf dem Blog beworben wird).
Im zweiten Jahr des Graduiertencollegs stehen die Forschungsprojekte der Studierenden im Zentrum. Wer kein eigenes Projekt initiieren kann oder will, kann an der Entwicklung eines Gemeinschaftsprojektes teilnehmen. Hier wird es insbesondere um Moderationstechniken und Design von Wissenszusammenhängen (Wissensproduktion und -distribution) gehen. Da unterschiedliche Wissenszusammenhänge sehr unterschiedliche Ansprüche stellen, können dezentrale Teams entstehen. Wichtige andere Themen sind das Ineinandergreifen von interner und externer Kommunikation, Online-Lehre, Publikationszusammenhänge– und Wissensmanagement.
Weitere Kurse können nach diesem Modell entstehen. Es soll sichergestellt werden, dass die offene Wissensplattform auch nach Abschluss des Projektes bestehen bleibt. Für die Video- und Audioclips werden wir die Kulturserver der Länder nutzen können.
Resultate des Projektes:
Ausbau der offenen Kollaborationsplattform keshma ( http://www.keshma.net)
Entwicklung und Erprobung von SOMA, einer geschlossen Kollaborationsplattform, die auch als Content-Management-System für eine externe Internetseite fungiert.
*Es soll ein Low-Residenz-Graduierten-Colloquium enwickelt werden, in dem die Teilnehmer in die Forschung eingeführt werden und eigenständige Forschungsansätze verfolgen. Hierzu sind wir mit unterschiedlichen Hochschulen und Universitäten im Gespräch. Eine entsprechende Durchführung wird bei Durchführung des Projektes garantiert.
Publikation (voraussichtlich im Kulturverlag Kadmos), die sowohl das Projekt beschreibt als auch seine Anwendung darstellt und in unserem Kollaborationsinstrument SOMA entsteht.
*Offene und freie Wissensplattform mit Vorträgen aus den Bereichen: Wissensproduktion, Medien, Gesellschaft. Über einen Zeitraum von 6 Monaten sollen alle zwei Wochen über unseren Blog http://www.formatlabor.net/blog Vorträge geposted und über unterschiedliche Mailing-Listen angekündigt werden. Erfahrungsgemäß werden in solch einem Zeitraum Vorträge bis zu 6000mal heruntergeladen. Mit dieser Maßnahme soll auch das Buch beworben werden.
Kurse
Der Kurs „Forschen lernen!“ soll als Low-Residenz-Graduierten-Kurs bzw. an verschiedenen Hochschulen angeboten werden. Er kann nach dem augenblicklichen Stand am Forschungsinstitut design2context Zürich, an der TU Berlin und der FU Berlin durchgeführt werden.
Vision
Weiterentwicklung & Nachhaltigkeit
Unsere Vision ist der Aufbau eines Instituts für Formatforschung. Forschung und Entwicklung sollen Theorieformate, aber auch andere soziale und mediale Formate umfassen. Ein zentrales Forschungsgebiet liegt im Zusammenhang von Wissen, Format, Gesellschaft und sozialer Evolution. Ausgangsthese ist, dass soziale Evolution als Evolution von sozialen und medialen Formaten beschreibbar ist.
Unser Anliegen ist hier in sehr einfacher Form beschreiben: http://www.formatlabor.net/blog/?page_id=206
Ein zentrales Gebiet des Instituts wird es sein, Drittmittelprojekte in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Universitäten zu initiieren und zu moderieren.
Weitere Gebiete des Instituts werden in der Förderung öffentlicher Diskurse und der Reflexion der Narration der Nachhaltigkeit liegen.
In Kooperation mit Unternehmen, die auf das Profil der Nachhaltigkeit umsteigen möchten, sollen entsprechende sozio-kulturelle, künstlerische und diskursive Projekte gefördert werden. Nachhaltigkeit verstehen wir in den Dimensionen a) Ökologie, b) Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern, c) kulturelle Verantwortung und d) Diskurse über Nachhaltigkeit, die sich in der Frage kristallisieren, in was für einer Welt wir morgen leben wollen.
Träger des Instituts könnte eine satzungsgebundene Stiftung sein, die mit einem an mehreren Hochschulen beheimateten Institut verbunden ist. Weitere wichtige Themen: Narration im elektronischen Zeitalter, die Erforschung und Entwicklung alternativer ökonomischer Modelle. Das Idealszeneario besteht darin, einerseits eine Stiftung oder eine ähnliche Non-profit-Organisation zu gründen, mit deren Hilfe Formatexperimente finanziert werden (theoretischer, künstlerischer und sozial-kultureller Art), und anderseits ein Unternehmen, DAS INSTIUT, welches Wissensmoderation anbietet und damit die Stiftung finanziert. Eine weitere Möglichkeit würde darin bestehen, dass das Unternehmen auch Aufgaben einer Agentur übernimmt und Repositionierungen für Unternehmen vornimmt, die an der Narration der Nachhaltigkeit interessiert sind. Unter den Begriff Nachhaltigkeit fassen wir nicht nur den ökologischen Aspekt und die Verbesserung von Arbeits- und Lebensstandards in den Produktionsländern, sondern auch kulturelle Verantwortung und den Diskurs über Nachhaltigkeit, expliziert in der Frage: In was für einer Welt wollen wir leben? Eine Übertragung auf andere, zum Beispiel auch wirtschaftliche Zusammenhänge (Moderation von denkintensiven Projekten), wäre auch unter Aspekten der Forschung interessant.

